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Tübingen

Weltbekannte Schimpansenforscherin Jane Goodall kritisiert Max-Planck-Institut

Die weltbekannte Primatenforscherin Jane Goodall hat die Versuche mit Affen an einem der drei Max-Planck-Institute in Tübingen scharf kritisiert. "Selten" sei sie so schockiert gewesen "wie von diesen Experimenten", so Goodall gegenüber der britischen Tierschutz-Organisation BUAV. Zudem schockiere sie die Beteiligung des Max-Planck Institutes an solchen Versuchen zur Grundlagenforschung. Allerdings ist nur eines der Tübinger Max-Planck-Institute an den strittigen Versuchen beteiligt. Aus dem Umfeld der anderen Max-Planck-Institute wird mittlerweile über Morddrohungen gegenüber unbeteiligten Mitarbeitern berichtet.
Affe im Käfig

Schimpansen-Forscherin Jane Goodall schockiert

Die Gründerin des Jane-Goodall-Institutes und UN-Friedensbotschafterin sagte nach Angaben der BUAV: "Ich habe soeben die Videoaufnahmen von den Experimenten an Rhesus Makaken am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen gesehen, bei denen den Affen eine Art Gerät im Gehirn implantiert wurde. Ich muss sagen, dass ich selten so sehr schockiert war wie von diesen Experimenten"

Drei verschiedene Max-Planck-Institute in Tübingen - Institute "ohne Affen in der Forschung"

Weiter sagte Goodall: "Die Tatsache, dass diese "Grundlagenforschung" von einem derartig respektierten und renommierten Institut wie dem Max-Planck Institut durchgeführt wurde, ist sogar noch schockierender."

In Tübingen sind allerdings drei verschiedene Max-Planck-Institute ansässig; deutschlandweit sind es rund 80 Institute mit ganz unterschiedlichen Forschungsrichtungen. In Tübingen habe mindestens ein Max-Planck-Institut "keine Affen in der Forschung".

Goodall hofft auf Einstellung des Forschungsprojektes

"Es ist mir unverständlich," sagte die Schimpansen-Forscherin Goodal weiter, "wie Experimente dieser Art überhaupt genehmigt werden konnten, die zu so unsäglichen Qualen - wie im Video dokumentiert - führten. Ich hoffe, dass das Forschungsprojekt mit sofortiger Wirkung eingestellt wird und dass die Affen aus dem Geltungskreis jener entzogen werden, die für diese unethischen Vorgehensweisen verantwortlich sind." Des Weiteren müsse den Tieren Linderung für ihre offensichtlichen Qualen verschafft werden." 

Neues Verständnis der Fähigkeiten von Schimpansen

Jane Goodall hatte als junge Frau im Jahr 1960 auf Vermittlung des renommierten Anthropologen und Forschers Louis Leaky im afrikanischen Gombe-Reservat das weltweit erste Forschungsprojekt an Schimpansen gestartet, die in ihrer natürlichen Umgebung leben. Das Forschungsprojekt in Tansania wird bis heute fortgeführt.

Im Laufe ihrer jahrelangen Forschungen trug Goodall wesentlich zum heutigen Verständnis der kognitiven Fähigkeiten von Schimpansen bei. Goodall hatte zusammen mit ihren Mitarbeitern  bei Schimpansen in jahrelanger Feldarbeit planvolles Verhalten, umfangreiche soziale Interaktionen, Werkzeuggebrauch und Tradierung nachgewiesen.

Ihre Forschungsergebnisse und Erlebnisse hat Jane Goodall in vielen Fachpublikationen und außerdem in mehreren populärwissenschaftlichen Büchern für den interessierten Leser veröffentlicht. so beispielsweise in "Wilde Schimpansen" und in  "Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre am Gombe.Strom""

Werkzeuggebrauch nicht typisch menschlich

Werkzeuggebrauch war bis zu diesem Zeitpunkt als typisch menschlich und als Abgrenzungskriterium zwischen Mensch und Tier verstanden worden.

In den jetzt strittigen Versuchen werden als Versuchstiere allerdings keine  Menschenaffen eingesetzt, zu denen die Schimpansen gehören, sondern Makakken. Diese zählen im Gegensatz zu Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans nicht zu den Menschenaffen.

Tradierung auch bei anderen Primaten

Allerdings wurde von einem japanischen Forscherteam auch bei japanischen Rotgesichtsmakakken die Ausbreitung und Tradierung einer zufälliger Entdeckungen innerhalb einer Affengruppe nachgewiesen:

Die japanischen Forscher wollten die Affengruppe mit der Fütterung von Kartoffeln an einen bestimmten Strandabschnitt der japanischen Insel Koshima gewöhnen, um sie besser beobachten zu können. Dabei fiel einem jungen Affenweibchen durch Zufall eine sandbeschmutzte Kartoffel ins Wasser.

Die Forscher konnten im weiteren Verlauf beobachten, dass das junge Weibchen ab diesem Zeitpunkt alle seine Kartoffeln im Meerwasser vom Sand befreite, bevor es sie aß. Ausserdem tunkte das Weibchen die Kartoffel auch immer wieder ins Wasser, während sie diese verspeiste. Offensichtlich, um sie mit dem Meerwasser zu würzen.

Kartoffelwaschen kommt in Mode

Im Laufe der Zeit verbreitete sich das neue Verhalten über die ganze Affengruppe:

Zunächst übernahmen nur die jüngeren Gruppenmitglieder das Kartoffelwaschen. Dann die gleichaltrigen Weibchen und später die jüngeren männlichen und die älteren weiblichen Mitglieder der Gruppe. Nach einigen Jahren hatte sich die Entdeckung schließlich fast über die ganze Gruppe verbreitet. Lediglich die älteren Männchen nahmen die Entdeckung zeitlebens nicht an.

Grundsätzlicher Verzicht auf Versuche mit Primaten gefordert

Angesichts der Erkenntnisse über die kognitiven Fähigkeiten von Menschenaffen, aber auch von sonstigen Primaten fordert Jane Goodall in ihren Publikationen und Vorträgen, bei Affen auf Tierversuche grundsätzlich zu verzichten. Für die Menschenaffen fordern Goodall und Andere darüber hinaus Grundrechte, vergleichbar den Menschenrechten, ein.

Über diese Thematik schreibt Goodall in ihrem Buch "Von Schimpansen und Menschen. Wir lieben und wir töten Sie". Mit der Thematik "Menschenrechte"  beschäftigt sich die Publikation von Cavalieri und Singer: "Menschenrechte für die Großen Menschenaffen".

Keine ausreichenden Informationen über Nachteile und Alternativen

Die beiden am Bericht im Stern-TV beteiligten Tierschutzorganisationen BUAV und SOKO Tierschutz werfen dem MPI vor, dass "die Forscher am MPI es unterlassen haben, ausreichende und wahrheitsgetreue Informationen über Vor- und Nachteile oder Alternativen" zu den durchgeführten Tierversuchen  bereitzustellen.

Gleichzeitig habe es die zuständige Behörde in Tübingen es unterlassen, "die rechtlich vorgeschriebenen Untersuchungen durchzuführen, bevor die Primatenexperimente genehmigt wurden."

Primatenversuche seien beispielsweise für Parkinsonforschung unersetzlich

Befürworter von Versuchen an Primaten argumentieren, dass nur durch diese Grundlagenforschung an menschenähnlichen Gehirnstrukturen die notwendigen Erkenntnisse gewonnen werden können, um Verletzungen und Krankheiten des menschlichen Gehirns zu verstehen, zu therapieren und zu heilen.

Nach Auskunft des MPI für Kybernetik seien "für die Weiterentwicklung und Optimierung beispielsweise von Hirnschrittmachern, wie sie bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden, ... elektrophysiologische Ableitungen am Versuchstier nach wie vor unverzichtbar.".

Diese Versuche könnten, so das Institut, nicht durch alternative Methoden, wie etwa Magnetresonanztomografie, ersetzt werden.

"Keine der Aufnahmen zeigt den Normalzustand am Institut"

Das Institut für Kybernetik nahm zu den weiteren Vorwürfen, die durch einen TV-Bericht in "Stern TV" ins Rollen kamen, wie folgt Stellung:

"Die Auswahl des Bildmaterials erfolgte allein zu dem Zweck, Tierversuche zu diskreditieren. Praktisch keine der Aufnahmen zeigt den Normalzustand in der Tierhaltung am Institut. Darüber hinaus wurden die Bilder in einer Art und Weise aneinandergereiht, dass eine sinnvolle Einordnung in den eigentlichen Kontext, in dem sie entstanden sind, nicht mehr möglich war oder zum Teil sogar bewusst ein vollkommen anderer Kontext suggeriert werden sollte."

Das Institut hatte dem Sender demnach eigene Aufnahmen zur Verfügung gestellt, die in dem Beitrag "leider so gut wie gar keine Berücksichtigung fanden". Vor diesem Hintergrund könne man nicht von einer ausgewogenen Berichterstattung sprechen, so das Institut.

Tier mit schwerem Schlaganfall die absolute Ausnahme

Die in dem Filmbeitrag von Stern TV gezeigten Aufnahmen eines Tieres mit einem schweren Schlaganfall stellten eine absolute Ausnahme dar: "Wir haben wenig Verständnis dafür, wenn der eingeschleuste Tierpfleger dieses schwer kranke Tier filmt anstatt unmittelbar den Tierarzt zu verständigen, was seine Pflicht gewesen wäre."

Der Kameramann, der die strittigen Szenen filmte, war von den beiden Tierschutzorganisationen als Tierpfleger in das Institut eingeschleust worden.

Eines der strengsten Tierschutzgesetzte

Deutschland habe im internationalen Vergleich eines der strengsten Tierschutzgesetze, so das Institut:Für Versuche an Wirbeltieren benötigten Wissenschaftler für jedes einzelne Versuchsvorhaben die Genehmigung durch die zuständige Behörde. In dem Antrag sei wissenschaftlich genau zu begründen, warum das Forschungsziel ohne den Einsatz von Labortieren nicht erreicht werden könne.

Das Institut schreibt in seiner Stellungnahme weiter: "Bei der Entscheidung über die Genehmigung oder Ablehnung eines solchen Tierversuchsantrages wird die Behörde durch eine Kommission beratend unterstützt, in der sich neben Experten aus der Tiermedizin, der Medizin oder einer naturwissenschaftlichen Fachrichtung auch Vertreter von Tierschutzorganisationen befinden."

Verbesserungen angekündigt

Verbesserungsbedarf sieht das Institut bei der Nachbetreung der Tiere nach einer Operation, insbesondere Nachts. Das soll in Zukunft durch zusätzliches Fachpersonal gewährleistet werden. Auf den Einsatz des  sogenannten "Primatenstabs" wolle man in Zukunft verzichten.

 Neuer Primatenstuhl entwickelt

Ebenfalls vom Kontext losgelöst sei die Darstellung des Einstiegs in den so genannten Primatenstuhl:

"Trainierte Tiere steigen unmittelbar in den Stuhl ein. Dieses Training dauert zwischen zwei und drei Tagen. Der Filmbeitrag zeigt u.a. ein noch vollkommen untrainiertes Tier. Die Wissenschaftler am Institut haben einen neuen Primatenstuhl entwickelt, der den Tieren den freiwilligen Einstieg in den Stuhl ermöglicht."  

Die Tiere dafür zu trainieren seietwas aufwändiger, das Vorhaben werde aber "insbesondere von den Behörden sehr unterstützt."

Regierungspräsidium Tübingen wertet noch aus

Indessen hat das Regierungspräsidium Tübingen die Untersuchungen zu den Vorfällen noch nicht abgeschlossen. Laut SWR  hat es in der vergangenen Woche einen erneuten Kontrollbesuch des Regierungspräsidiums am betroffenen Institut gegeben. Dieser würde nach Informationen des öffentlich-rechtlichen TV-Senders weiter ausgewertet.

Zudem seien die Institutsmitarbeiter des betroffenen Instituts in den vergangenen Tagen aufgefordert worden, einen Fragenkatalog schriftlich beantworten. Daraus - so zitiert der SWR - hätten sich Unstimmigkeiten ergeben, "die vor Ort überprüft werden sollten".

Unbeteiligte Max-Planck-Institute beklagen "Shit Storm" und Morddrohungen

Aus dem Umfeld der Tübinger Max-Planck-Institute wird ein "Shitstorm" beklagt, der sich mittlerweile auch gegen an den Versuchen gänzlich unbeteiligte Max-Planck-Institute in Tübingen richte.

Die Drohungen bis hin zu Morddrohungen richten sich demzufolge auch gegen unbeteiligte Mitarbeiter von Max-Planck.Instituten, von denen ein Institut  beispielsweise "keinen einzigen Affen" in seiner Forschung habe.

Von Kieselstein gezielt am Kopf getroffen

Auch Tübingens OB Boris Palmer wurde bei einem öffentlichen Auftritt im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Primaten-Versuche attackiert: Er wurde von einem Kieselstein am Kopf getroffen, der offensichtlich gezielt auf den Politiker geworfen worden war. 

Dies, obwohl er nach eigener Aussage als Oberbürgermeister keine rechtliche Einflussmöglichkeit in dieser Sache habe, ganz unabhängig von seiner persönlichen Meinung zu der Sache.

Tübinger OB Palmer verurteilt Gewalttätigkeiten und Selbstjustiz scharf

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat anlässlich des jüngsten "RTF.1 - Talks im Sparkassencarree" zu Mäßigung aufgerufen und Gewalttätigkeiten und Selbstjustiz im Zusammenhang mit den Primatenversuchen scharf kritisiert.

Sein Eintreten gegen Gewalt und Selbstjustiz in der Politik sei für ihn etwas Grundsätzliches, sagte Palmer auf der RTF.1-Veranstaltung. Unabhängig davon, ob ihm das im aktuellen Wahlkampf um den OB-Sessel schaden könne, stehe er zu seiner Position, die Gewalt und Selbstjustiz in der politischen Diskussion ablehne.

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich in wesentlich kürzerer Form und ohne den Hinweis auf die drei verschiedenen Max-Planck-Institute in Tübingen veröffentlicht. Zudem war diesem Text aus unserem Foto-Archiv versehentlich das Foto eines anderen Max-Planck-Institutes zugeordnet. Wir bitten unsere Leser, das Versehen zu entschuldigen. Wir danken für den Leserkommentar mit dem entsprechenden Hinweis.


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