Wissenschaft und Forschung

London / Wuhan

"Corona-Virus stammt nicht aus Fledermaus-Forschungslabor!" - China weist Covid-Vorwürfe zurück

Die chinesische Botschaft in London hat in einem offenen Brief Berichte zurückgewiesen, nach denen das Covid-19-Virus durch einen Unfall in einem Corona-Forschungslabor im chinesischen Wuhan freigesetzt worden sein soll. Dort habe man seit mehreren Jahren an Fledermäusen und Schweinen den Ursprung von Corona-Viren erforscht. Die Behauptung sei "grundlos", so der Brief.
Fledermaus

Chinesischer Außenminister Wang Yi telefoniert mit seinem Amtskollegen Dominic Raab (GB)

In dem Schreiben der chinesischen Botschaft in London heißt es, der chinesische Außenminister Wang Yi habe wegen der Berichte mit Groß-Britanniens Außenminister Dominic Raab telefoniert.

Dabei habe Wang Yi hervorgehoben, "dass einige Leute alarmierenderweise versuchen, die Epiedemie zu politisieren" und damit China zu stigmatisieren, heißt es in dem Schreiben.

Mail on Sunday: Forschungslabor in Wuhan soll an Fledermäusen als Überträger von Corona-Viren geforscht haben

Zuvor hatte die englische Mail on Sunday berichtet, die Covid-19-Viren seien bei einem Unfall in einem chinesischen Forschungslabor bei Wuhan freigesetzt worden. In dem Forschungslabor sei der Ursprung von Corona-Viren erforscht worden, um den Ursachen für einen früheren Schweine-Grippe-Ausbruch auf die Spur zu kommen.

Im Rahmen der Untersuchungen habe das Labor Proben von Fledermäusen entnommen. Dadurch habe man einen Überblick gewinnen wollen, welche Arten von Corona-Viren in den Fledermäuse vorkommen, und ob von diesem Fledermaus-Reservoir aus ein bestimmtes Corona-Virus auf die Schweine übergesprungen sein könnte.

Labor-Ferkel mit Fledermaus-Viren infiziert?

Im Verlauf der weiteren Forschungsarbeiten seien Ferkel im Labor zu Testzwecken mit dem bei den Fledermäusen isolierten Virus infiziert worden. Dabei habe es einen Unfall gegeben, bei dem Forscher mit infiziertem Blut in Kontakt gekommen seien.

Auf diese Weise seien die Covid-19-Viren aus dem Labor heraus und in Kontakt mit der Bevölkerung von Wuhan gelangt.

Das Virus-Forschungsinstitut soll sich in rund 10 Meilen Entfernung zu einem Tiermarkt befinden, der bisher als der Ort galt, an dem das Virus von einem Tier auf einen Menschen übergesprungen ist.

Westliche Forscher gehen bisher davon aus, dass das Corona-Virus "Covid-19" auf besagtem Tiermarkt in Wuhan von einem Tier auf den Menschen übergesprungen sei. Die Schlussfolgerung wurde gezogen, weil einige, aber nicht alle der zuerst Infizierten auf diesem Tiermarkt arbeiteten oder mit dem Tiermarkt in Kontakt waren.

Allerdings hat das renommierte Wissenschaftsjournal "Science" bereits am 26. Januar 2020 einen Artikel veröffentlicht, der sich auf die im "The Lancet" veröffentlichte Studie chinesischer Wissenschaftler über die ersten 41 infizierten Patienten in Wuhan bezieht. Titel: "Clinical features of patients infected with 2019 novel coronavirus in Wuhan, China".

Demnach haben 13 der 41 Infizierten keinerlei Verbindung zum Tiermarkt. Die Schlussfolgerung: Der Tiermarkt könne nicht die (einzige) Quelle für das Covid-19-Virus gewesen sein.

Weder "Tiermarkt" noch "Labor": China weist chinesischen Ursprung zurück

Auch die Tiermarkt-These weist China - ebenso wie die Labor-These - entschieden zurück:

"Über den Ursprung von Covid-19 hat es bisher noch keine wissenschaftliche oder medizinische Schlussfolgerung gegeben", widerspricht China dieser Darstellung: Die relevanten Arbeiten, um dem Ursprung des Covid-19-Virus auf die Spur zu kommen, seien schließlich noch in vollem Gange.

Der Daily Mail zufolge stammen die Fledermäuse, an denen in Wuhan über den Ursprung der Corona-Viren geforscht wird, aus einer Höhle im 1000 km entfernten Yunnan. Die Gen-Sequenzierungen der Covid-19-Viren würden eben jenen Viren entsprechen, welche in den Fledermäusen in Yunnan vorkommen.

Eine Fledermaus-Höhle in Kunming, Provinz Yunnan - 1.000 km entfernt

Die Prozeduren zur Gewinnung der Fledermaus-Proben seien von Tierärzten durchgeführt worden und vom "Animal Ethics Committee" des "Wuhan Institute of Virology" genehmigt worden: Zwischen April 2011 und Oktober 2015 seien zehn Mal Proben von Fledermäusen gewonnen worden, zu verschiedenen Zeiten im natürlichen Habitat der Fledermäuse in einer einzigen Höhle in Kunming, in der Provinz Yunnan. Die Fledermäuse seien gefangen und dann die Proben ("faecal swab samples") gesammelt worden.

Über die Forschungsarbeiten des Forschungslabors an Fledermaus-Viren sind mehrere öffentlich zugängliche Studien veröffentlicht worden, so im April 2018 im renommierten Wissenschaftsjournal "Nature" die Studie "fatal swine acute diarrhoea syndrome caused by an HKU2-related coronavirus of bat origin".

Die Studie wurde aufgrund eines Ausbruchs mit Corona-Viren vom Typ "SADS-CoV" auf chinesischen Schweinefarmen in Guangdong durchgeführt, der sich im Jahr 2016 ereignet hat. Auch dazu seien Fledermäuse in einer Höhle in Fallen gefangen und Proben entnommen worden. Die Viren seien im Labor kultiviert und schließlich drei Tage alten Ferkeln injiziert worden.

Zuvor war schon am 30. November 2017 im ebenfalls renommierten PLOS eine Studie mit dem Titel "Discovery of a rich gene pool of bat SARS-related coronaviruses provides new insights into the origin of SARS coronavirus" veröffentlicht worden.

China dementiert Forschungsarbeiten nicht, wohl aber den chinesischen Ursprung von Covid-19

China widerspricht in seinem Schreiben bemerkenswerterweise nicht dem Bericht über die Forschungstätigkeit des chinesischen Labors; wohl aber den Behauptungen über einen chinesischen Ursprung des Corona-Covid-Virus:

"Der Ursprung eines Virus ist ein komplizierter, wissenschaftlicher Sachverhalt. Das herauszufinden, sollte Wissenschaftlern und Medizinern im Rahmen von Studien und Forschungsarbeiten überlassen bleiben", heißt es in der Stellungnahme der chinesischen Botschaft:

Der Ursprung des Virus sei noch unklar, und wenn man diesen China zuschreiben würde, so würde das die internationale Kooperation im Kampf gegen das Covid-Virus beschädigen.

Ein seriöses Forschungslabor: Das modernste seiner Art in China

Bei dem Forschungsinstitut handelt es sich unseren Recherchen zufolge um ein seriöses Forschungslabor, das sich mit der Herkunft und der Übertragung von Viren auf den Menschen beschäftigt. Auf der Homepage des Instituts finden sich eine große Zahl an seriösen Studien, die in renommierten Wissenschaftsjournalen veröffentlicht worden sind.

Das Forschungsinstitut forscht außer an Corona-Viren auch an weiteren Viren, wie beispielsweise am HIV-Virus, dem Zika-Virus und an Filoviren, wie bspw. dem Ebola-Virus.

Einer Veröffentlichung des Instituts aus dem Januar 2019 zufolge sei beispielsweise aus Rousettus-Fledermäusen mit dem MLAV - Mengla-Virus ein ganz neuartiger Filo-Virus isoliert worden. Filoviren, zu denen auch Ebola gehört, können schwerste hämorrhagische Krankheitsverläufe verursachen.

Institutsprofessorin SHI Zhengli schreibt in dieser Studie: "Der Zweck dieser Studie ist es, neue Viren zu entdecken, bevor sie auf Menschen übertreten könnten." Es solle dadurch aber keine Panik vor Fledermäusen geschürt werden, denn das sei unnötig, schreibt SHI Zhengli weiter: "Das Töten oder das Stören von Fledermäusen in ihrer natürlichen Umgebung könnte das Risko einer Übertragung des neuen Virus [auf den Menschen] erhöhen." Der beste Weg, um sich gegen von Fledermäusen verursachte Krankheiten zu schützen, sei es, die Kontaktmöglichkeit mit Fledermäusen zu reduzieren.

WHO: Covid-Ursprung unklar. Großbritannien: Keine Vorverurteilung.

China betont in seinem Schreiben, dass auch die Weltgesundheitsorganisation WHO mehrfach bestätigt habe,dass der Ursprung des Covid-19-Virus derzeit noch unklar sein: Es dürfe nicht zu einer Stigmatisierung Chinas kommen.

Auch Großbritanniens Außenminister habe in dem Telefonat eine Vorverurteilung Chinas abgelehnt, heißt es in dem Schreiben der chinesischen Botschaft weiter. Er stimme mit China darin überein, dass die Quelle des Virus durch professionelle und wissenschaftliche Arbeit erforscht werden müsse.

Der offene Brief der chinesischen Botschaft im Original:

Hier die Stellungnahme der chinesischen Botschaft in London im Original, wie sie die Mail Online abgedruckt hat, und wie sich auch auf der homepage der chinesischen Botschaft in London veröffentlicht ist:

"Last week, The Mail on Sunday carried an article propagating a groundless theory that links the origin of Covid-19 to a lab in Wuhan.

The article also discredits China's effective efforts in combating Covid-19 and promoting international co-operation.

There has been no scientific or medical conclusion yet on the origin of Covid-19, as relevant tracing work is still under way.

The World Health Organisation has made repeated statements that what the world is experiencing now is a global phenomenon, the source is undetermined, the focus should be on containment and any stigmatising language referring to certain places must be avoided.

The name Covid-19 was chosen by the WHO for the purpose of making no connections between the virus and certain places or countries.

The origin of a virus is a complicated, scientific issue. It should be left to scientists and doctors to find out through studies and research.

Hasty and reckless allegations, such as naming China as the origin in an attempt to shift the blame, before any scientific conclusion is reached, is totally irresponsible and will definitely do harm to international co-operation at this critical time.

China and the UK exchanged views seriously on the origin of the virus and reached consensus.

In his telephone conversation with Foreign Secretary Dominic Raab, State Councillor and Foreign Minister Wang Yi pointed out that 'alarmingly, some people are attempting to politicise the epidemic, label the virus and stigmatise China.

'Such moves are extremely harmful to international co-operation and solidarity, and will only disrupt the joint efforts of various parties to tackle the virus.

'It is believed that the world, including the UK, will respond in an objective and fair manner and reject such narrow-minded actions'.

Mr Raab expressed the UK's firm opposition to politicising the outbreak and fully agrees with China that the source of the virus is a scientific issue that requires professional and science-based assessment.

Covid-19 is a global challenge. The right thing to do for every responsible stakeholder, including the media, is to work together and leave no place for rumours or prejudice.

Chinese Embassy, London"

Anmerkung der Redaktion:

Der Hintergrund zu dem Bericht der "Mail Online" wurde von Prometheus Wissenschaftsfernsehen (www.prometheus.tv) in Zusammenarbeit mit dem Recherchenetzwerk BW ausgiebig durchleuchtet. Insbesondere wurde die Arbeit des Wuhan-Institutes of Virology auf Basis der im Internet zugänglichen Quellen untersucht. Die von der Mail Online angegebenen wissenschaftlichen Paper bzw. Abstracts wurden direkt bei den Wissenschaftsjournalen recherchiert und um weitere Veröffentlichungen des Instituts ergänzt. Übersetzungen aus den Studien und der Homepage des Institutes haben wir selbst anhand der englischsprachigen Original-Quellen vorgenommen.

Quellen:

Brief der chinesischen Botschafters: Mail Online

Bericht über Corona-Forschungslabor in Wuhan: Mail Online

Paper (Studie): Nature

Paper (Studie): PLOS: https://doi.org/10.1371/journal.ppat.1006698

Paper (Studie): THE LANCET: "Clinical features of patients infected with 2019 novel coronavirus in Wuhan, China"

Artikel: SCIENCE: "Wuhan seafood market may not be source of novel virus spreading globally "

Homepage: Wuhan Institute of Virology


Erstveröffentlichung: 13.04.2020 - 01.04

Jüngste Aktualisierung: 17.04.2020-11:10


(Freitag, 17.04.20 - 11:11 Uhr   -   35371 mal angesehen)

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