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Letzte drei Atomkraftwerke gehen heute vom Netz - Was kommt danach?

Nach sechs Jahrzehnten endet heute die Atomstrom-Produktion in Deutschland: Die Kernkraftwerke Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland gehen am Abend vom Netz. Wie läuft es ab, wie geht es an den Standorten weiter?
AKW Neckarwestheim

Die letzten drei von insgesamt 35 Reaktoren in Deutschland werden heute abgeschaltet. Eigentlich sollte der Atomausstieg schon zum Jahreswechsel erfolgen. Allerdings verschob die Bundesregierung wegen der Energiekrise die Abschaltung um dreieinhalb Monate. Heute ist nun endgültig Schluss, so ist es gesetzlich festgeschrieben.

Das Umweltministerium Baden-Württemberg hat der EnBW die Genehmigung für Stilllegung und Abbau von Block II des Kernkraftwerks Neckarwestheim (GKN II) erteilt. Damit ist das Abbauprogramm des fünften und letzten baden-württembergischen Kernkraftwerks im atomrechtlichen Rahmen in allen Teilumfängen genehmigt.

Zuvor hatte die EnBW diesen Status bereits für den Block I in Neckarwestheim (GKN I), das Kernkraftwerk Obrigheim (KWO) sowie für die Blöcke 1 und 2 des Kernkraftwerks Philippsburg (KKP 1, KKP 2) erwirkt. Die EnBW ist damit der erste Betreiber von Kernkraftwerken in Deutschland, für dessen Kernkraftwerke alle Rückbaugenehmigungen vorliegen.

"Unser Masterplan für den Rückbau, den wir vor über zehn Jahren festgelegt haben, soll unter anderem den sicheren und zügigen Rückbau unserer Kernkraftwerke gewährleisten. Da Rückbau nur mit Genehmigung geht, war unsere Strategie auf den Erhalt dieser Genehmigungen ausgelegt", sagt Jörg Michels, Geschäftsführer der EnBW-Kernkraftsparte. "Der Rückbau unserer anderen vier Kernkraftwerke – darunter auch der Block I in Neckarwestheim – macht derweil gute Fortschritte und ist teilweise schon sehr weit vorangekommen."

Verlängerte Stromproduktion beeinträchtigt Rückbauplanung

Die Planung für die konkrete Umsetzung des Rückbaus von Neckarwestheim II hatte die EnBW bereits seit vielen Jahren vorbereitet. Sie war stets auf eine Abschaltung der Anlage Ende 2022 ausgerichtet, weil dies dem seit 2011 geltenden gesetzlichen Rahmen entsprach. Die vorhandene Planung wurde dann jedoch laut EnBW durch die von der Bundesregierung Ende 2022 kurzfristig initiierte Verlängerung der Stromproduktion aus Kernenergie stark beeinträchtigt. Die Überarbeitung der Planung ist der EnBW zufolge aktuell noch nicht abgeschlossen, so dass keine Aussagen über die letztendlichen Auswirkungen möglich sind. Das generelle Konzept für den Rückbau von GKN II steht jedoch fest und war Teil der Antragsunterlagen für die Rückbaugenehmigung.

Rückbau in Neckarwestheim soll zehn bis 15 Jahre dauern

Auch die ersten Schritte nach der Abschaltung von GKN II in Richtung Rückbau stehen grundsätzlich fest: Auf den Erhalt der Stilllegungs- und Abbaugenehmigung werden zunächst weitere formale Schritte folgen. So wird nach der Abschaltung das neue, für den sogenannten „Restbetrieb" notwendige Betriebsreglement in Kraft gesetzt und die Genehmigung „in Anspruch" genommen.

Danach ist eine behördliche Freigabe der detaillierten Beschreibung der ersten einzelnen Abbau-Vorhaben nötig. Erst dann kann mit der Vorbereitung der Abbautätigkeiten im engeren Sinne angefangen werden. Der Primärkreislauf der Anlage wird dekontaminiert. Einzelne, definierte Systeme können durch Freischaltung außer Betrieb genommen werden. Der eigentliche Rückbau startet nachfolgend u.a. mit der Demontage der Hauptkühlmittelleitungen. Ein weiteres erstes Tätigkeitsfeld wird die Zerlegung der Einbauten des Reaktordruckbehälters sein. In ihrer Abschätzung geht die EnBW im Moment unverändert davon aus, dass der Rückbau von GKN II im atomrechtlichen Rahmen etwa zehn bis 15 Jahre dauern wird.

Neckarwestheim 2 (GKN II) ist ein Druckwasserreaktor mit einer elektrischen Leistung von 1.400 Megawatt. Die Anlage ging 1989 in Betrieb und hat im Jahr 2022 über elf Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Der andere Block am Standort Neckarwestheim – GKN I – ist bereits seit 2011 endgültig abgeschaltet und wird seit 2017 zurückgebaut.

Am Kernkraftwerk Isar enden 44 Jahre Stromerzeugung

Der Anlagenleiter des Kernkaftwerks Isar in Bayern, Carsten Müller, erklärte zum Procedere der Abschaltung: „Am Abend des 15. April werden wir das Kraftwerk herunterfahren und es kurz vor Mitternacht vom Stromnetz trennen. Damit enden 44 Jahre sichere und klimaschonende Stromerzeugung am Standort Ohu. Wir sind unserem Auftrag, Bayern zuverlässig mit Strom zu versorgen, gerne und mit großer Leidenschaft nachgekommen. Diese Aufgabe müssen nun andere übernehmen."

Dr. Guido Knott, Vorsitzender der Geschäftsführung am Kernkraftwerk Isar, betonte: "Die Kolleginnen und Kollegen hier am Standort haben mit großer Überzeugung und persönlichem Einsatz teils über Jahrzehnte hinweg für einen sicheren und zuverlässigen Betrieb gesorgt. Im letzten Jahr hat die Mannschaft des KKI 2 alles für den Weiterbetrieb des Kraftwerks gegeben und damit erneut bewiesen, dass auf sie Verlass ist, wenn es darauf ankommt. Wir sind stolz auf das, was die Mannschaft hier am Standort geleistet hat."

Suche nach Atommüll-Endlager geht weiter

Die verbrauchten Brennstäbe bleiben teilweise weiter in Zwischenlagern an den Standorten. Grünen-Politiker Jürgen Trittin hat sich für eine beschleunigte Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland ausgesprochen. Der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte der frühere Umweltminister: "Wir brauchen auch bei der Suche nach einem Endlager in Deutschland eine Beschleunigung des Verfahrens. Wir dürfen die Geduld der Menschen nicht überstrapazieren. Es wird nach dem Ausstieg immer schwieriger werden, Menschen zu vermitteln, warum vor ihrer Haustür ein Endlager für radioaktiven Müll entstehen sollte. Es kann nicht sein, dass wir erst 2060 ein Endlager haben. Wir müssen deutlich früher eine sichere Lösung haben."

(Samstag, 15.04.23 - 13:20 Uhr   -   2742 mal angesehen)

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