Wissenschaft und Forschung

Lebensstil

Wissenschaftler erstellen erstmals Ökobilanz über das Leben eines Menschen

An der TU Berlin wurde weltweit erstmals die Ökobilanz eines Menschen erstellt. Zudem haben sie Maßnahmen zur ökologischen Verbesserung des Lebensstils erarbeitet.
Autofahrer

Am Fachgebiet Sustainable Engineering der TU Berlin wurde weltweit erstmals die Ökobilanz eines Menschen erstellt. Bislang errechneten die TU-Wissenschaftler solche Ökobilanzierungen, die den gesamten Lebenszyklus vom Rohstoffanbau über die Produktion, den Transport, die Nutzung bis zur Entsorgung erfassen, für Produkte und Produktionsprozesse. „Eine Ökobilanz eines Menschen gab es bislang nicht", sagt Prof. Dr. Matthias Finkbeiner, der das Fachgebiet Sustainable Engineering und das Projekt „Life-LCA: Ökobilanzierung eines Menschen" leitet.

Das Ergebnis: Innerhalb eines Jahres gelang es Dr. Dirk Gratzel, einem mittlerweile 52-jährigen Unternehmer aus der Nähe von Aachen in Nordrhein-Westfalen, seinen CO2-Ausstoß von 27 Tonnen jährlich auf 7,8 Tonnen zu reduzieren. „Dieses Resultat hat uns überrascht. Mit einer solchen Reduzierung haben wir nicht gerechnet. Das ist eine gute Nachricht", sagt Matthias Finkbeiner. „Die schlechte Nachricht allerdings ist, dass 7,8 Tonnen CO2-Ausstoß pro Person im Jahr immer noch weit über dem Wert von jährlich 1,5 bis zwei Tonnen CO2-Ausstoß pro Person liegen, den der Weltklimarat für das Klima als verträglich erachtet."

Dirk Gratzel hatte sich 2017 an Matthias Finkbeiner mit einem außergewöhnlichen Anliegen gewandt: Er, Gratzel, wolle dereinst ökologisch schuldenfrei die Erde verlassen und von Finkbeiner wissen, wie er das bewerkstelligen könne. Über seinen Selbstversuch und die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Matthias Finkbeiner hat Dirk Gratzel nun das Buch „Projekt Green Zero" geschrieben.

Von der Socke bis zum Auto

Als erstes bilanzierte ein Mitarbeiter von Matthias Finkbeiner die Umweltschäden, die Dirk Gratzel in seinem Leben bislang verursacht hatte. Dafür musste Dirk Gratzel sein bisheriges Leben, seinen Alltag, seine Ernährung, seinen Besitzstand von der Socke bis zum Auto, seine Wohnsituation, seine Hobbys, ja sogar seinen Müll, nach Stoffen penibel getrennt, akribisch dokumentieren. Mit diesen Daten, es waren weit über hundert Datensätze, wurde zum einen der Ist-Stand von Gratzels ökologischen Schäden errechnet, etwa sein CO2-Fußabdruck. Zum anderen konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ablesen, welches Verhalten, welche Komponenten Gratzels Ökobilanz am schwersten belasteten. Daraus leitete Gratzel zusammen mit Umweltverbänden Maßnahmen ab, um sich seinem Ziel zu nähern, am Ende seiner Tage als „ökologisch unbedenklich" abgehen zu können.

Das Team von Matthias Finkbeiner hat schon einige CO2-Fußabdrücke errechnet und Ökobilanzierungen aufgestellt – für Milch, Baumwoll-T-Shirts oder Marmor. Sie sind Experten dafür. „Aber eine Ökobilanz für das bisherige Leben eines Menschen war auch für uns wissenschaftliches Neuland und eine enorme Herausforderung", erzählt Finkbeiner. „Methodische Fragen waren zu klären, ob wir zum Beispiel in seine Ökobilanz das Leben seiner fünf Kinder mit einfließen lassen müssen und wie wir die Nutzung seines Hauses, in dem er bis zum Auszug seiner Kinder zu siebt gewohnt hatte, anrechnen", erzählt Finkbeiner.

Für die Ökobilanzen für Produkte und Produktionsprozesse untersuchen die TU-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler bis zu 15 Indikatoren, die auf die Umwelt wirken. „Damit das Projekt beherrschbar blieb und wir verlässliche Zahlen bekamen, mussten wir uns im Falle von Dirk Gratzels Leben auf fünf Umweltparameter, wir sprechen von Wirkungskategorien, beschränken: Klimawandel, die Eutrophierung und Versauerung von Gewässern und Böden, Ozonabbau sowie Smog", sagt Finkbeiner.

Ein Desaster: jährlich 27 Tonnen CO2

Drei Monate inventarisierte Dirk Gratzel nach den Vorgaben von Finkbeiners Team sein bisheriges und aktuelles Leben. Er schrieb auf, was er jeden Tag isst, trinkt, wie lange er duscht, was er besitzt – von der Zahnbürste, über Unterhosen, Manschettenknöpfe, Anzüge, Teller, Tassen, Elektrogeräte, Fondue-Set bis zum Jaguar SUV und dem denkmalgeschützten Haus. Notierte, woraus seine Anzüge sind, wo sie hergestellt wurden, woher der Kaffee stammt, den er jeden Morgen trinkt, wie viel Strom er verbraucht, wie viel Wasser, wie viele Kilometer er fliegt und mit dem Auto fährt. Er sortierte seinen Müll nach acht verschiedenen Materialien, wog ihn und dokumentierte, was und wie viel sein Hund fraß. Bei der Analyse wird sich herausstellen: So ein Hund hat durchaus einen stattlichen, ökologischen Fußabdruck.

Ein Desaster war dann auch die Ökobilanz von Gratzels bisherigem Leben, Stand 2018: Jedes Jahr emittierte er 27 Tonnen CO2. Zum Vergleich: Ein Durchschnittsdeutscher kommt auf zehn bis elf Tonnen, ein Durchschnittswestfale auf 13,5 Tonnen. Dirk Gratzel dagegen blies jedes Jahr das Doppelte an Kohlendioxid in die Luft. Rückverfolgt über seine 50 Lebensjahre waren es 1147 Tonnen. Hauptverursacher seiner damals 27 Tonnen CO2 pro Jahr waren seine dienstlichen wie privaten Autofahrten und Flüge, seine fleisch-, milch- und käselastige Ernährung, der Energieverbrauch in seinem Haus, aber eben auch der Hund.

Gestrichen: Fleisch und Fliegen

Aus diesen Hauptursachen wurden rund 60 Maßnahmen abgeleitet, um seinen CO2-Ausstoß zu minimieren und um Gratzels eigentliches Ziel zu erreichen, bei seinem Tod eine ausgeglichene Ökobilanz vorweisen zu können. Die Maßnahmen umzusetzen führten für Dirk Gratzel zu einem radikalen Lebenswandel: keine Flüge mehr, kombinierte Mobilität aus Autofahren und öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn mit dem Fokus auf Letzterem, kein industriell hergestelltes Fleisch mehr, nur das, was er als Jäger selbst schießt, keine Milchprodukte, nur noch saisonales, regionales Gemüse, energetische Sanierung seines Hauses, nur noch 45 Sekunden duschen – um nur einige wenige zu nennen. Auf seinen täglichen Morgenkaffee zu verzichten, hat er nicht geschafft, und von seinem Hund Emil konnte er sich auch nicht trennen.

Am Fachgebiet von Matthias Finkbeiner wurde eine zweite Ökobilanz für das drastisch veränderte Leben von Gratzel errechnet. Wieder musste Gratzel dafür sein Leben inventarisieren – nun unter den neuen Bedingungen. Durch die etwa 60 Maßnahmen drückte er seinen CO2-Emmissionen von 27 Tonnen pro Jahr auf 7,8 Tonnen. Für Finkbeiner ist das Ergebnis beeindruckend und belegt eindrücklich, dass Fliegen, Autofahren und Fleisch essen dem Klima und damit dem Planeten enorm zusetzten. Aber es zeige eben auch, wie weit Dirk Gratzel noch von dem 2-Tonnen-Ziel des Weltklimarates entfernt sei. „Angesichts der Tatsache, dass das Ergebnis nur durch einen extremen Lebenswandel erzielt werden konnte, der mit schmerzhaften Einschnitten verbunden war, stellt sich die Frage, wie realistisch das 2-Tonnen-Ziel in unserer westlichen Welt ist, wenn wir weiterhin an den Mindeststandards unseres zivilisierten Lebens wie essen, kleiden, wohnen, arbeiten, Bildung, gesundheitliche Fürsorge, digitale Kommunikation, Mobilität und Kultur festhalten", sagt Finkbeiner und fragt bewusst provozierend, „oder ob es sich nur umsetzten lässt, wenn wir nackt und in Zelten wohnend leben." Finkbeiner gesteht, dass er darauf keine Antwort hat.

Die menschengemachten Schäden heilen

Das Gratzel-Projekt hat seine Forschung, wie er selbst sagt, „unglaublich inspiriert": Neue Projekte seien initiiert, Befunde eindrücklich bestätigt worden, eben, dass das häufiges Fliegen und viel Autofahren einen hohen Anteil an der Klimabelastung haben und eine Änderung des Konsumverhaltens mitnichten nutzlos sei. Neue überraschende Erkenntnisse habe er gewonnen unter anderem, dass ein Hund durchaus „klimarelevant" genannt werden könne und im Fall von Gratzel chemische Produkte wie Wasch-, Reinigungsmittel und Kosmetika viel weniger ins Umweltsündenkontor schlagen als zum Beispiel Milchprodukte. Und jenseits der Fakten habe die Arbeit in diesem Projekt ihm immer wieder diesen Konflikt vor Augen geführt, dass selbst ein extrem zurückgenommener westlicher Lebensstil die Erde signifikant belastet.

Ein Leben ohne ökologische Belastung zu führen, hält Matthias Finkbeiner für schlichtweg unrealistisch. Deshalb setzen sich er und Gratzel in einer dritten Phase des Projektes mit dem Thema der Wiedergutmachung auseinander und denken über Konzepte nach wie die Renaturierung von zerstörten Ökosystemen. „Wir werden Wege finden müssen, wie wir die verursachten Schäden wieder heilen. Sie lediglich virtuell zu kompensieren wird nicht reichen. Das Thema der wissenschaftlich robusten Wiedergutmachung in Form der Wiederherstellung von Ökosystemen wird in der Forschung künftig eine große Rolle spielen", so Finkbeiner.

(Mittwoch, 12.08.20 - 09:36 Uhr   -   1275 mal angesehen)

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