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Reutlingen

Dunkles Jubiläum: Vor 350 Jahren wurde in Reutlingen das letzte Todesurteil gegen eine Hexe gefällt

Ihnen wurden Todesfälle, schlechte Ernten, Krankheiten oder Seuchen zur Last gelegt und sie wurden als Hexen oder Hexen zumeist auf Scheiterhaufen verbrannt. Der Zeitraum zwischen dem 15. und dem17. Jahrhundert gilt als Höhepunkt der grausamen Hexenverfolgungen. Das war auch in der freien Rei chsstadt Reutlingen so. Dort wurden nachweislich 64 Menschen ermordet. 1667 - also vor genau 350 Jahren - wurde dort das letzte Todesurteil gegen einen Hexer gefällt. Ein Kooperationsprojekt des Reutlinger Theaters Die Tonne und des Literatur- und Theaterkurses des Isolde Kurz-Gymnasiums hat diese dunkle Zeit mit einer szenischen Lesung in der Katharinenkirche wieder aufleben lassen. Wir blicken zurück in eine dunkle Epoche der Achalmstadt.

Die freie Reichsstadt Reutlingen in spätmittelalterlicher Zeit: Hinter den Toren der Stadt lebt auch Elisabeth Viess. Sie wird für lange zurückliegende Schadens- und Todesfälle verantwortlich gemacht. Das Urteil lautet auf „lebendig verbrennen". Innerhalb weniger Tage zwischen Mai und Juni 1565 werden mehrere Prozesse gegen Frauen angestrengt. Drei verurteilte Delinquentinnen werden am 4. Juni 1565 öffentlich hingerichtet. Mit den Todesurteilen erreicht der Wahn der Hexenverfolgungen rund 130 Jahre nach seinem Beginn auch Reutlingen.

Im Rahmen eines Theaterprojekts des Literatur- und Theaterkurses des Isolde Kurtz- Gymnasiums und des Theaters die Tonne sind die Beteiligten oft wenig beachteten Thema in den Stadt-Archiven auf den Grund gegangen und dabei auf ein dunkles Kapitel der Achalmstadt gestoßen.

Die Hinrichtungen wurde zumeist auf dem Markplatz - und zwar auf  dem Marktplatz, erzählt Eckhard Wurm der zu den Leitern des Literatur- und Theaterkurs des Reutlinger Isolde Kurz-Gymnasiums gehört und in den Archiven recherchiert hat. Viele Bürgerinnen und Bürger haben sich dieses Schauspiel demnach nicht entgehen lassen. Zumeist hat es sich dabei aber nicht um Verbrennungen auf einem Scheiterhaufen gehandelt. Stattdessen wurde den Verurteilten zumeist der Kopf abgehauen.

Die Geschichte der Hexenverfolgungen hatte dabei einen langen Vorlauf: Bereits im 13 Jahrhundert hatte Papst Innozenz III.die Verfolgung und Bestrafung von Hexen und Hexern gefordert. Bis zum letzten Todesurteil im Jahre 1667 wurden in Reutlingen nachweislich 64 Menschen unter dem Vorwurf der Hexerei ermordet. Angeklagt waren laut der erhaltenen Prozessakten  93 Personen, darunter 15 Männer und 78 Frauen.Die Kirche hielt sich, diesen Quellen folgend, aus dem eigentlichen Prozedere heraus-,  diese aber im Prinzip gut geheißen.

Die Opfer dieser ersten Hexenprozess-Welle waren ausschließlich Frauen. Diesen wurde zumeist der Besuch von Hexentänzen oder Teufelsbuhlschaften vorgeworfen. Oft auch die Unzucht mit Tieren. Die Sexualität, so Wurm, habe in den Prozessen "eine wahnsinnig wichtige Rolle gespielt". Für einen Prozess reichte aber auch der vermeintliche Abfall vom christlichen Glauben. Oder und vor allem :der Vorwurf des Wettermachens. Als Indiz dienten scheinbar unerklärliche Vorfälle, wie beispielsweise eine schwere Frostperiode im Jahr  1565.

Die Geständnisse wurden mit grausamen Foltermethoden erpresst. Ein Beispiel: Den Angeklagten wurden die Hände am Rücken gebunden. Dann wurden sie  ins Wasser runter gelassen. Gestanden diese in der Folgen,waren sie Hexen und  wurden sie hingerichtet. wenn sie nicht gestanden, lautete der Vorwurf, dass der Teufel aus ihnen spreche. Auch dann wurden die vermeintlichen Hexen oder Hexer  hingerichtet."

Zwar gab es seitens des Reichs genau prozessuale Vorgaben in einer Reichsprozessordnung; so mussten  die Zeugen unabhängig sein. Sie durften auch  nicht beeinflusst werden. In der Theorie klang das alles gut. In der Praxis in der Regel nicht.

In die Verfolgungen in Reutlingen mischten sich zudem, wie so oft bei ideologisch oder religiös gerechtfertigten Abrechnungen, oft noch andere, sehr menschliche Motivationen. Es ging um persönliche Intrigen, Neid, Hass. Und manchmal ging es auch um Eifersucht. Und am Ende stand in Reutlingen fast immer der Tod.

Auf dem Höhepunkt der zweiten Höhepunkt der Verfolgungswelle um das Jahr 1665 versuchte der ehrgeizige Reutlinger Johann Philipp Laubenberger die Verfolgungen sich für seine Wahl zum Schultheißen zu nutzen. Ein Thema, das Stücks dramaturgisch aufgriff: Laubenbacher hatte einen großen politischen Widersacher. Diesen Stadtrat wollte Laubenberger, in dem er dessen Frau zum Ziel nahm,  ausschalten und schwächen.

Die Rettung für Verfolgte in Reutlingen lag dabei eigentlich nur wenige Kilometer vor den Stadttoren, aber eben doch fast unerreichbar entfernt:Tübingen war württembergisch und vertrat deshalb andere politische Positionen.

1665/66 fanden dann noch einmal 14 Hexenverbrennungen  statt. Dann enden diese so abrupt, wie sie begannen. 1667 wurde in Reutlingen das letzte Todesurteil gegen eine Hexe gefällt.

(Donnerstag, 06.07.17 - 04:52 Uhr   -   1983 mal angesehen)

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